BGH, Beschluss vom 12.10.2022, AZ 5 StR 490/21

Pres­se­mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs, Nr. 144/2022, vom 12.10.2022

Ber­li­ner Ver­ur­tei­lun­gen wegen Han­del­trei­bens mit CBD-Blü­ten rechtskräftig

Beschluss vom 23. Juni 2022 – 5 StR 490/21

Der in Leip­zig ansäs­si­ge 5. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat die Revi­sio­nen zwei­er Ange­klag­ter gegen ein Ber­li­ner Urteil ver­wor­fen, mit dem die­se ins­be­son­de­re wegen des Han­dels mit CBD-Blü­ten zu Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wor­den sind.

Das Land­ge­richt Ber­lin hat einen der Ange­klag­ten u. a. wegen ban­den­mä­ßi­gen Han­del­trei­bens mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge in zwei Fäl­len und den ande­ren wegen Bei­hil­fe hier­zu zu Gesamt­frei­heits­stra­fen von drei Jah­ren neun Mona­ten und von zehn Mona­ten (deren Voll­stre­ckung es zur Bewäh­rung aus­ge­setzt hat) verurteilt.

Nach den Urteils­fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts erwarb der Haupt­an­ge­klag­te – mit Unter­stüt­zung des zwei­ten Ange­klag­ten und eines unbe­kannt geblie­be­nen Drit­ten – im Sep­tem­ber und Okto­ber 2019 jeweils 60 kg Blü­ten von Can­na­bis­pflan­zen mit einem hohen Anteil des Wirk­stoffs Can­na­b­idi­ol (CBD). Die CBD-Blü­ten ver­kauf­te er gewinn­brin­gend an Groß­händ­ler wei­ter, die die­se ihrer­seits an Spät­ver­kaufs­stel­len und CBD-Shops veräußerten.

Die auf die Sach­rü­ge ver­an­lass­te umfas­sen­de Über­prü­fung des Urteils hat kei­ne Rechts­feh­ler zum Nach­teil der Ange­klag­ten erge­ben. Ins­be­son­de­re hat das Land­ge­richt die CBD-Blü­ten zu Recht als Betäu­bungs­mit­tel im Sin­ne der Anla­ge I zum Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) ein­ge­ord­net. Die Blü­ten fie­len nicht unter eine Aus­nah­me­vor­schrift für Can­na­bis. Zwar wie­sen sie einen Wirk­stoff­ge­halt von 0,2 % THC auf und über­schrit­ten damit nicht den in der Aus­nah­me­vor­schrift vor­ge­se­he­nen Grenz­wert. Es fehl­te aber an der Vor­aus­set­zung, dass ein Miss­brauch zu Rausch­zwe­cken aus­ge­schlos­sen sein muss. Denn wur­den die Blü­ten etwa beim Backen erhitzt, führ­te dies zur Frei­set­zung wei­te­ren THC, das beim Kon­sum durch den End­ab­neh­mer einen Can­na­bis­rausch erzeu­gen konn­te. Das war dem Haupt­an­ge­klag­ten bekannt, sei­nem Gehil­fen gleichgültig.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on stellt die Ver­ur­tei­lung wegen des Han­dels mit CBD-Blü­ten auch für den Fall kei­nen Ver­stoß gegen die euro­pa­recht­li­che Waren­ver­kehrs­frei­heit (Art. 34 AEUV) dar, dass die Blü­ten in Spa­ni­en legal pro­du­ziert wur­den. Denn bei den Blü­ten han­del­te es sich um Sucht­stof­fe, mit denen der Han­del von vorn­her­ein ver­bo­ten ist und die daher nicht der Waren­ver­kehrs­frei­heit unter­fal­len. Die die­ser Beur­tei­lung zugrun­de­lie­gen­den euro­pa­recht­li­chen Maß­stä­be waren nach den ein­schlä­gi­gen Rechts­nor­men so klar und durch die hier­zu ergan­ge­ne Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) so weit geklärt, dass kei­ne Ver­an­las­sung bestand, eine Ent­schei­dung des EuGH zur Ver­ein­bar­keit mit Euro­pa­recht ein­zu­ho­len (Art. 267 AEUV).

Ange­sichts der Mög­lich­keit eines gesund­heits­ge­fähr­den­den Miss­brauchs der CBD-Blü­ten zu Rausch­zwe­cken hat der Senat in der Straf­bar­keit des Han­dels mit die­sen auch kei­nen Ver­stoß gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Über­maß­ver­bot gesehen.

Das Urteil des Land­ge­richts Ber­lin ist damit rechtskräftig.

Vor­in­stanz:
LG Ber­lin – Urteil vom 7. Juli 2021 – (510 KLs) 254 Js 38/20 (9/20)

Die maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten lauten:

Anla­ge I zu § 1 Abs. 1 BtMG (nicht ver­kehrsfä­hi­ge Betäubungsmittel)

Can­na­bis (Mari­hua­na, Pflan­zen und Pflan­zen­tei­le der zur Gat­tung Can­na­bis gehö­ren­den Pflanzen)

– aus­ge­nom­men (…)

b) wenn (…) ihr Gehalt an Tetra­hy­dro­can­na­bi­nol 0,2 Pro­zent nicht über­steigt und der Ver­kehr mit ihnen (aus­ge­nom­men der Anbau) aus­schließ­lich gewerb­li­chen oder wis­sen­schaft­li­chen Zwe­cken dient, die einen Miss­brauch zu Rausch­zwe­cken ausschließen. (…)

Art. 34 AEUV Ver­bot von Einfuhrbeschränkungen

Men­gen­mä­ßi­ge Ein­fuhr­be­schrän­kun­gen sowie alle Maß­nah­men glei­cher Wir­kung sind zwi­schen den Mit­glied­staa­ten verboten.

Art. 36 AEUV Ausnahmen

(1) Die Bestim­mun­gen der Arti­kel 34 und 35 ste­hen Einfuhr‑, Aus­fuhr- und Durch­fuhr­ver­bo­ten oder ‑beschrän­kun­gen nicht ent­ge­gen, die (…) zum Schut­ze der Gesund­heit und des Lebens von Men­schen (…) gerecht­fer­tigt sind.

(2) Die­se Ver­bo­te oder Beschrän­kun­gen dür­fen jedoch weder ein Mit­tel zur will­kür­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung noch eine ver­schlei­er­te Beschrän­kung des Han­dels zwi­schen den Mit­glied­staa­ten darstellen.

Art. 267 AEUV

(1) Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det im Wege der Vorabentscheidung

a) über die Aus­le­gung der Verträge,

b) über die Gül­tig­keit und die Aus­le­gung der Hand­lun­gen der Orga­ne, Ein­rich­tun­gen oder sons­ti­gen Stel­len der Union. (…)

(3) Wird eine der­ar­ti­ge Fra­ge in einem schwe­ben­den Ver­fah­ren bei einem ein­zel­staat­li­chen Gericht gestellt, des­sen Ent­schei­dun­gen selbst nicht mehr mit Rechts­mit­teln des inner­staat­li­chen Rechts ange­foch­ten wer­den kön­nen, so ist die­ses Gericht zur Anru­fung des Gerichts­hofs verpflichtet. 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/recht…