BGH, Beschluss vom 31.03.2022, AZ 3 ZB 4/21

Pres­se­mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs, Nr. 43/2022, vom 31.03.2022

Bun­des­ge­richts­hof bestä­tigt Unter­bin­dungs­ge­wahr­sam wegen der Gefahr eines fort­ge­setz­ten Ver­sto­ßes gegen die Pflicht, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen

Beschluss vom 8. Febru­ar 2022 – 3 ZB 4/21

Der nach dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Bun­des­ge­richts­hofs bun­des­weit für Ver­fah­ren der vor­beu­gen­den Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung zustän­di­ge 3. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat die Rechts­be­schwer­de eines von einer Frei­heits­ent­zie­hung nach dem Poli­zei­recht Betrof­fe­nen ver­wor­fen. Der Beschwer­de­füh­rer hat­te im Dezem­ber 2020 an einer Ver­samm­lung von Geg­nern der staat­li­chen Maß­nah­men zum Schutz vor Neu­in­fi­zie­run­gen mit dem Coro­na­vi­rus teil­ge­nom­men und sich gewei­gert, einen Mund-Nasen-Schutz anzu­le­gen, obwohl die Pflicht zum Tra­gen eines sol­chen am Ver­samm­lungs­ort in der Köl­ner Alt­stadt ange­ord­net war. Nach­dem er außer­dem mas­si­ven kör­per­li­chen Wider­stand gegen­über den ein­ge­setz­ten Ord­nungs­kräf­ten geleis­tet hat­te, als die­se sei­ne Iden­ti­tät fest­stel­len woll­ten, nahm ihn die Poli­zei in Gewahr­sam. Das Amts­ge­richt hat dies für zuläs­sig erklärt und die Fort­dau­er des Frei­heits­ent­zugs für wei­te­re zwei Stun­den bis zum Ende der Ver­samm­lung ange­ord­net. Die hier­ge­gen erho­be­ne Beschwer­de des Betrof­fe­nen hat das Land­ge­richt zurück­ge­wie­sen. Mit sei­ner Rechts­be­schwer­de hat er die Fest­stel­lung bean­tragt, dass er durch die Ent­schei­dun­gen von Amts- und Land­ge­richt in sei­nen Rech­ten ver­letzt wor­den sei.

Die durch das Rechts­mit­tel ver­an­lass­te Über­prü­fung des land­ge­richt­li­chen Beschlus­ses hat kei­nen Rechts­feh­ler ergeben.

Nach § 3 Abs. 2 Nr. 8 der Coro­na­schutz­ver­ord­nung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len vom 30. Novem­ber 2020 in der ab dem 16. Dezem­ber 2020 gül­ti­gen Fas­sung war damals – buß­geld­be­wehrt nach § 28 Abs. 1 Satz 1 und 2, §§ 32, 73 Abs. 1a Nr. 6 IfSG, § 18 Abs. 2 Nr. 2 Coro­naSch­VO NRW – eine Mas­ke an Orten mit hohem Publi­kums­ver­kehr zu tra­gen, soweit die zustän­di­ge Behör­de eine ent­spre­chen­de Anord­nung getrof­fen hat­te. Dies hat­te die Stadt Köln unter ande­rem für das gesam­te Gebiet der Alt­stadt, in dem die Ver­samm­lung statt­fand, getan.

Der Senat hat ent­schie­den, dass die genann­ten Rechts­vor­schrif­ten und die kon­kre­te buß­geld­be­wehr­te Anord­nung der Ver­pflich­tung zum Tra­gen eines Mund-Nasen-Schut­zes in dem hoch fre­quen­tier­ten Gebiet der Köl­ner Alt­stadt kein Ver­fas­sungs­recht ver­let­zen. Er hat die Bewer­tung des Land­ge­richts, dass die Frei­heits­ent­zie­hung nach § 35 Abs. 1 Nr. 2 PolG NRW dem Grun­de und der Dau­er nach uner­läss­lich war, um einen wei­te­ren Auf­ent­halt des Betrof­fe­nen ohne Mund-Nasen-Bede­ckung auf der Ver­samm­lung und damit die Fort­set­zung einer Ord­nungs­wid­rig­keit von erheb­li­cher Bedeu­tung für die All­ge­mein­heit zu unter­bin­den, nicht beanstandet.

Vor­in­stanz:
LG Köln – 34 T 27/21 – Beschluss vom 31. Mai 2021

Maß­geb­li­che Vor­schrif­ten lauten:

§ 35 PolG NRW – Gewahrsam
(1) Die Poli­zei kann eine Per­son in Gewahr­sam neh­men, wenn
1.…
2.das uner­läss­lich ist, um die unmit­tel­bar bevor­ste­hen­de Bege­hung oder Fort­set­zung einer Straf­tat oder einer Ord­nungs­wid­rig­keit von erheb­li­cher Bedeu­tung für die All­ge­mein­heit zu verhindern,

§ 3 Coro­naSch­VO NRW vom 30. Novem­ber 2020 – Alltagsmaske
(1) …
(2) Die Ver­pflich­tung zum Tra­gen einer All­tags­mas­ke besteht unab­hän­gig von der Ein­hal­tung eines Mindestabstands

8.an wei­te­ren Orten unter frei­em Him­mel, für die die zustän­di­ge Behör­de eine ent­spre­chen­de Anord­nung trifft oder bereits getrof­fen hat, wenn gemes­sen an der ver­füg­ba­ren Flä­che mit dem Zusam­men­tref­fen einer so gro­ßen Anzahl von Men­schen zu rech­nen ist, dass Min­dest­ab­stän­de nicht sicher­ge­stellt wer­den können.

§ 18 Coro­naSch­VO NRW vom 30. Novem­ber 2020 – Ordnungswidrigkeiten
(1) Ord­nungs­wid­rig­kei­ten wer­den gemäß § 73 Absatz 2 des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes mit einer Geld­bu­ße bis zu 25.000 Euro geahndet.
(2) Ord­nungs­wid­rig im Sin­ne des § 73 Absatz 1a Num­mer 24 in Ver­bin­dung mit §§ 32, 28 Absatz 1 Satz 1 und 2 des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes han­delt, wer vor­sätz­lich oder fahrlässig

2. ent­ge­gen § 3 Absatz 2 trotz bestehen­der Ver­pflich­tung kei­ne All­tags­mas­ke trägt,

§ 1 Nr. 2 der All­ge­mein­ver­fü­gung der Stadt Köln vom 2. Okto­ber 2020 zur regio­na­len Anpas­sung der Coro­na­schutz­ver­ord­nung an das Infek­ti­ons­ge­sche­hen in der ab dem 5. Dezem­ber 2020 gül­ti­gen Fas­sung – Mund-Nase-Bede­ckung in öffent­li­chen Berei­chen des Köl­ner Stadtgebiets
In fol­gen­den öffent­li­chen Berei­chen des Köl­ner Stadt­ge­biets ist eine Mund-Nase-Bede­ckung zu tragen:

c) in der Alt­stadt (s. Lage­plan 1) von 10.00 bis 22.00 Uhr,

Die Pflicht zum Tra­gen der Mund-Nase-Bede­ckung gilt nicht für Parks und Grün­an­la­gen, für Per­so­nen in oder auf Kraft­fahr­zeu­gen, Fahr­rad- und Rol­ler­fah­ren­de, Jog­gen­de an Orten, an denen übli­cher­wei­se gejoggt wird, sowie für Kin­der bis zum Schul­ein­tritt und Per­so­nen, die aus medi­zi­ni­schen Grün­den kei­ne Mund-Nase-Bede­ckung tra­gen kön­nen; die medi­zi­ni­schen Grün­de sind durch ein ärzt­li­ches Zeug­nis nach­zu­wei­sen, wel­ches auf Ver­lan­gen vor­zu­zei­gen ist. 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/recht…